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Die Bewohner der inklusiven WG "Villa Mmmmh" in München sitzen an einem großen runden Tisch
© Severin Vogl / GLL e.V.
Die Bewohner der inklusiven WG "Villa Mmmmh" in München sitzen an einem großen runden Tisch
© Severin Vogl / GLL e.V.

Die WG Neuhausen vonGemeinsam Leben Lernen e.V.

Die vermutlich älteste inklusive WG Deutschlands

Autor: Rudi Sack

Beweisen können wir’s nicht, aber wir behaupten immer, dass unsere Wohngemeinschaft im Münchner Stadtteil Neuhausen die deutschlandweit erste inklusive WG war, als sie am 1. September 1989 eröffnet wurde. Neun Menschen im Alter zwischen 20 und knapp 40 Jahren sind damals zusammengezogen. Davon leben fünf mit einer „geistigen“ oder mehrfachen Behinderung, die anderen sind Studierende oder Auszubildende, die nach dem Prinzip „Wohnen gegen Hilfe“ in der WG mietfrei wohnen und dafür die Verpflichtung eingehen, an einem Tag pro Woche und an einem Wochenende pro Monat „Dienste“ zu übernehmen. In diesen leisten sie bestimmte Aufgaben in der Assistenz für ihre Mitbewohner*innen mit Unterstützungsbedarf. Von außen unterstützt wird die WG von einer Fachkraft mit sozialpädagogischer Qualifikation und einer zusätzlichen Assistenzkraft ohne Ausbildung (früher ein Zivildienstleistender, jetzt eine Helferin oder ein Helfer im Freiwilligen Sozialen Jahr), die beide jeweils in Vollzeit für die WG arbeiten.

Die WG Neuhausen ist die erste von inzwischen zehn Wohngemeinschaften, die der Münchner Verein Gemeinsam Leben Lernen e.V. nach diesem Konzept in München und Umgebung als Träger betreibt. Es ist uns in allen unseren Wohngemeinschaften wichtig, dass sie attraktive Orte zum Leben für alle ihre Mitglieder und auch keine „Penn-WGs“ sind, denn hier wird zusammen gekocht, gegessen, gefeiert, Freizeit verbracht und auch in Urlaub gefahren.

Fernsehbeitrag zum 30. Jubiläum der WG

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Träger

Gemeinsam Leben Lernen e.V.

Ort

München-Neuhausen

Entwicklungszeitraum

1983 - 1989

Bewohnerschaft

Neun Bewohner:innen, davon fünf mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung, davon wiederum eine Person mit umfassendem Unterstützungsbedarf; die anderen überwiegend Studierende; aktuell sind die Bewohner*innen zwischen 20 und 58 Jahre alt.

Wohnraum

Ca. 280 m², neun Einzelzimmer, vier Bäder, ein Esszimmer, eine Küche, ein Wohnzimmer (Wintergarten), ein Minibüro im Keller, ein Waschraum und ein wunderschöner Garten! Ein Zimmer und das zugehörige Bad sind für einen Rollstuhlfahrer geeignet; der Zugang zum Parterre ist mit Rampe und Miniaufzug barrierefrei.

Besonderheit

Älteste inklusive WG in Deutschland

Fragen und Antworten

Wie ist das Projekt entstanden?
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Das Projekt ist in den 80er Jahren aus der integrativen Freizeitarbeit der Evangelischen Jugend München entstanden. Junge Leute aus diesen Aktivitäten hatten Lust zusammenzuziehen, haben so die Grundidee für die WG entwickelt und diese dann mit dem von Eltern gegründeten Verein Gemeinsam Leben Lernen umgesetzt.

Wer wohnt im Projekt? Und wie haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner gefunden?
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In der WG wohnen insgesamt neun Erwachsene, davon fünf mit einer „geistigen“ oder mehrfachen Behinderung. Die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner kannten sich alle aus Freizeitaktivitäten der Evangelischen Jugend München; heute findet bei jedem freiwerdenden Platz ein WG-Casting statt und die Bewohner*innen entscheiden letztendlich, wer einzieht; der Träger führt aber auch eine Warteliste mit Interessenten mit Behinderung.

Wie haben Sie den Wohnraum gefunden bzw. entwickelt und finanziert?
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Das Suchen des Wohnraums hat dazu geführt, dass es von der Idee bis zur Umsetzung mehr als sechs Jahre gedauert hat; letztlich hat die Stadt München ein gestiftetes Haus für diesen Zweck umgebaut und vermietet es bis heute an den Trägerverein.

Wie ist die Assistenz / Pflege der Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung geregelt?
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Die Assistenz wird sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern ohne Unterstützungsbedarf geleistet, die dafür in der WG mietfrei wohnen, als auch von zwei externen Kräften (davon eine sozialpädagogische Fachkraft); jeder Bewohner ohne Unterstützungsbedarf verpflichtet sich, an einem Tag pro Woche vom Feierabend bis zum nächsten Morgen sowie an einem Wochenende pro Monat von Freitagnachmittag bis Montagfrüh in der WG präsent zu sein und mitzuhelfen. Zu den Kernzeiten (Feierabend 16:30 – 22:00 Uhr, Wochenend- und Feiertage 10:00 – 22:00 Uhr) ist jeweils zusätzlich eine externe Kraft anwesend. Bei hohem (fach-) pflegerischen Bedarf können einzelne Bewohner*innen zusätzlich externe Pflegedienste eigener Wahl in Anspruch nehmen.

Wie wird die Assistenz finanziert?
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Überwiegend über Leistungen der Eingliederungshilfe, für die der Trägerverein eine Leistungs- und Vergütungsvereinbarung mit dem zuständigen Kostenträger (Bezirk Oberbayern) abgeschlossen hat; zusätzlich individuelle Ansprüche der pflegebedürftigen Bewohner*innen gegenüber der Pflegekasse (Pflegegeld, Wohngruppenzuschlag).

Wie ist das Projekt rechtlich aufgebaut? Wer ist Mieter? Wer ist Dienstleister etc.?
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Der Trägerverein ist Mieter der Wohnung und schließt mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern Untermietverträge ab. Mit den Bewohnern mit Unterstützungsbedarf besteht zusätzlich ein Betreuungsvertrag. Bei den Bewohnern ohne Unterstützungsbedarf ist die Vermietung des Wohnraums gekoppelt an die Vereinbarung über ihre Mitarbeit gegen Mietfreiheit (Werkwohnung).

Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen? Was ist wichtig für eine gute Zusammenarbeit?
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Die Stadt München (Wohnraum, ursprünglich auch zuständiger Kostenträger) und der Bezirk Oberbayern (heute Kostenträger) waren und sind für uns wichtige und verlässliche Partner in der Umsetzung.

Welche Tipps können Sie anderen geben, die ein Projekt wie Ihres umsetzen wollen?
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Es ist gut zum Start einer solchen WG, wenn sich die Menschen, die hier zusammenziehen, schon vorher kennen. Obwohl wir anfangs ein sehr kleiner Verein waren, haben wir uns dazu entschlossen, uns nicht einem großen Träger anzuschließen, sondern es eigenständig zu realisieren, um ein Maximum an Autonomie in der inhaltlichen Gestaltung zu behalten. Darüber sind wir heute sehr froh. Nicht entmutigen lassen von den vielen ungelösten Fragen, die am Anfang auftauchen! Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!

Was war Ihr schönstes Erlebnis im Zusammenhang mit dem Projekt?
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Es gibt so viele wunderbare Momente, aber ganz besonders war natürlich der Abend des Tages, an dem alle Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen sind. Wir waren sehr müde, aber einfach nur glücklich!

Gibt es etwas, dass Sie beim nächsten Mal anders machen würden?
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Gleich auf den Umweg verzichten, es erst über Kooperation mit einem großen etablierten Träger zu versuchen.