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Drei junge Frauen stehen vor einer Wand. Sie halten selbstgebastelte Schilder mit "Inklusion" und "Selbstbestimmung" in der Hand. An der Wand weitere Schlagworte wie "Ort des Zusammenlebens".
Drei junge Frauen stehen vor einer Wand. Sie halten selbstgebastelte Schilder mit "Inklusion" und "Selbstbestimmung" in der Hand. An der Wand weitere Schlagworte wie "Ort des Zusammenlebens".

Gründungsleitfaden

Umgang mit Konflikten und Lösungsstrategien – Teil 1

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In der Gründungsphase treffen viele verschiedene Interessen aufeinander. Egal ob die zukünftigen Bewohner:innen, die Eltern oder Assistenzanbieter – alle haben unterschiedliche Vorstellungen vom inklusiven Zusammenleben. Das ist ganz normal. Allerdings birgt dies viel Konfliktpotential zwischen den Akteuren. Deshalb ist eine gute Kommunikation und Moderation das A und O. Denn Ziel ist es, dass die Gruppe eine gemeinsame Vision entwickelt und alle Gruppenmitglieder bereit sind, Kompromisse einzugehen. In diesem Artikel wollen wir Ihnen aufzeigen, welche Konfliktpotentiale während der Gründungsphase einer inklusiven Wohnform bestehen und welche Lösungsstrategien angewendet werden können.

Wo können Konflikte auftreten?

Vorab ist festzustellen: Konflikte in Gruppen sind ganz normal und unvermeidbar! Also machen Sie sich keine Sorgen, wenn es in ihrer Gruppe mal knirscht. Wichtig ist nur, die Konflikte frühzeitig zu erkennen, offen anzusprechen und nach Lösungen bzw. Kompromissen zu suchen.

Während des Gründungsprozesses einer inklusiven Wohnform treffen viele unterschiedliche Interesse aufeinander. So stellt sich zu Beginn oft die Frage, wer eigentlich die Zielgruppe ist bzw. welche eventuellen Ausschlusskriterien es gibt. Hier kann es sehr unterschiedliche Vorstellung der Gruppenmitglieder geben. Wichtig ist, zu überlegen, welche Auswirkungen eine Entscheidung für andere Themenbereiche hat. So kann es sein, dass je nach Zielgruppe bestimmte bauliche Anforderungen oder ein spezifisches Assistenzkonzept notwendig sind. Auch die Wahl des Wohnortes oder die Wohnraumgestaltung kann zu Konflikten führen. Vielleicht haben Sie in ihrer Gruppe schon darüber diskutiert, ob die inklusive Wohnform im Stadtzentrum oder am Stadtrand liegen soll. Vielleicht wurde bei Ihnen darüber diskutiert, ob jede:r Bewohner:in ein eigenes Bad hat oder wie groß die Gemeinschaftsflächen sein sollen.

Wichtig ist, dass jedes Gruppenmitglied seine Meinung äußern darf. Denn wenn unterschiedliche Sichtweisen nicht geäußert werden und Meinungsverschiedenheiten nicht miteinander diskutiert werden, so können sich Konflikte über die Dauer verschärfen.

Welche Eskalationsstufen gibt es bei Konflikten?

Um zu analysieren, wie sehr sich ein Konflikt innerhalb ihrer Gruppe verschärft hat, können Sie sich eines Modells zur Konfliktanalyse bedienen. Denn wenn den Parteien bewusst ist, auf welcher Stufe sie stehen, haben sie die Möglichkeit, ihren Konflikt zu analysieren und bereits während des Konfliktverlaufs besser zu reagieren. Friedrich Glasl ist ein österreichischer Ökonom, Organisationsberater und Konfliktforscher, welcher ein Konfliktmodell mit 9 Eskalationsstufen entwickelt hat.

Die neun Stufen der Konflikteskalation teilt Glasl in drei Ebenen ein. Auf den ersten drei Ebenen ist es noch möglich, dass beide Parteien ohne Schaden oder sogar mit Gewinn aus der Sache aussteigen (win-win). Auf der zweiten Ebene muss einer von beiden der Verlierer sein (win-lose) und auf der dritten Ebene gibt es auf beiden Seiten nur noch Verluste bis zur gegenseitigen Vernichtung (lose-lose).

Laut dem Modell von Glasl lassen sich Konflikte ab der Stufe 4 nur noch durch eine externe Moderation lösen. In den meisten Fällen befinden Sie sich bei ihren Gruppenprozessen zur Gründung einer inklusiven Wohnform in den Stufen 1–3. Diese Konflikte können oftmals innerhalb der Gruppe gelöst werden.

Wie kann man mit den Konflikten umgehen?

Dabei ist eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation das A und O innerhalb einer Gruppe bzw. zwischen den Gruppenmitgliedern. Für eine gelingende Kommunikation ist es wichtig, dass man sich der verschiedenen Kommunikationsebenen und den möglichen Auswirkungen seiner Kommunikation bewusst ist. Es gibt verschiedene Kommunikationsmodelle, um seine Kommunikation zu analysieren. Eines der bekanntesten Kommunikationsmodelle ist das 4-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun. Dieses sagt aus, dass jeder, der mit einer anderen Person kommuniziert, seinem/seiner Gesprächspartner:in vier Botschaften übermittelt: eine Botschaft auf der Sachebene, eine Selbstkundgabe, eine Botschaft auf der Beziehungsebene und einen Appell. Somit sendet ein:e Gesprächspartner:in mit vier „Schnäbeln“ und ein:e Gesprächspartner:in hört auf vier „Ohren“.

Es wird dabei zwischen den folgenden vier Kommunikationsebenen unterschieden:

  • Sachebene: worüber ich informiere
  • Selbstkundgabe: was ich von mir zu erkennen gebe
  • Beziehungsebene: was ich von dir halte/wie ich zu dir stehe
  • Appellebene: was ich bei dir erreichen möchte

Schwierig wird es, wenn die Gesprächspartner:innen die verschiedenen Ebenen unterschiedlich gewichten und sich auf einer der Ebenen verletzt fühlen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten Sie immer versuchen, alles so klar und deutlich wie möglich zu formulieren. Außerdem können Sie versuchen, sich in das Gegenüber hinein zu versetzten und mögliche Missverständnisse ansprechen.

Zudem kann es hilfreich sein, wenn Sie sich bei Meinungsverschiedenheiten eines Modells zur Kompromissfindung bedienen. Hierfür eignet sich die Methode des systemischen Konsensierens. Dabei werden unterschiedliche Meinungen in ihrer Vielfalt akzeptiert und Gruppen bleiben auch in komplexen Situationen handlungsfähig. Und zwar nicht, weil eine Einzelperson die Führung übernimmt, sondern weil die Gruppe gemeinsam nach einer Lösung sucht, die am wenigsten abgelehnt wird und damit die größte Akzeptanz erfährt.

Im ersten Schritt wird das Problem oder der Konflikt möglichst genau benannt. Im zweiten Schritt wird mit möglichst vielen Gruppenmitgliedern (nicht nur die Konfliktparteien) nach einer potentiellen Lösung gesucht. Jedes einzelne Gruppenmitglied bewerten die potentiellen Lösungen nach ihrem jeweiligen Widerstand. Größter Widerstand wird mit 10 und kleinster Widerstand mit 0 bewertet. Anschließend wird nach der Lösung gesucht, welche innerhalb der Gruppe den kleinsten Widerstand hat.

Sollte es nicht gelingen den Konflikt innerhalb der Gruppe zu lösen, so kann eine externe Supervision oder Moderation unterstützen. Hierfür ist es hilfreich, wenn sich die Gruppe von Beginn des Prozesses darauf verständigt hat, dass alle Gruppenmitglieder einer externen Supervision oder Moderation offen gegenüberstehen und diese im Bedarfsfall gemeinsam nutzen und finanzieren.

Die Mitarbeiter:innen von WOHN:SINN haben während des Gründungsprozesses von unterschiedlichen inklusiven Wohnformen Konflikte zwischen den Gruppenmitgliedern oder weiterer Akteure moderiert. Sollten Sie Unterstützung bei der Konfliktlösung benötigen, so können Sie sich gerne direkt an uns wenden und von unserer langjährigen Expertise in diesem Bereich profitieren. Für die Finanzierung einer solchen Moderation kann die Gruppe entweder Eigenmittel aufbringen oder einen Förderantrag stellen (z. B. Förderprogramme der Aktion Mensch).

Beispiele aus inklusiven Wohngemeinschaften

Während der Gründungsphase einer inklusiven Wohngemeinschaft kam es zwischen den zukünftigen Bewohner:innen zu einem Konflikt darüber, wer als weitere:r Mitbewohner:in in die WG einziehen soll. Gemeinsam mit der Prozessbegleitung hat sich die WG darauf geeinigt, eine WG-Reise mit beiden potentiellen Mitbewohner:innen durchzuführen und anschließend in einer geheimen Wahl darüber abzustimmen, wer in die WG einziehen kann. Im Zuge der WG-Reise stellte sich heraus, dass sich nur eine:r der potentiellen Bewohner:innen einen Einzug vorstellen konnte und die anderen WG-Bewohner:innen ihn als zukünftigen Mitbewohner wählten.

In einem weiteren Beispiel bestand eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Auswahl des Assistenzanbieters. Dabei ging es darum, ob ein Assistenzanbieter die notwendige Fachlichkeit vorhalten konnte, um alle Bedarfe in der WG zu decken. Im Ergebnis konnte sich darauf verständigt werden, dass sowohl ein Pflegedienst als auch ein Assistenzanbieter in der WG tätig sind.

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