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Drei junge Frauen stehen vor einer Wand. Sie halten selbstgebastelte Schilder mit "Inklusion" und "Selbstbestimmung" in der Hand. An der Wand weitere Schlagworte wie "Ort des Zusammenlebens".
Drei junge Frauen stehen vor einer Wand. Sie halten selbstgebastelte Schilder mit "Inklusion" und "Selbstbestimmung" in der Hand. An der Wand weitere Schlagworte wie "Ort des Zusammenlebens".

Gründungsleitfaden

Umgang mit Konflikten und Lösungsstrategien – Teil 2

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Sobald der Wohnraum gefunden ist und die Assistenz bedarfsgerecht erbracht werden kann, können die Bewohner:innen einziehen. In den ersten Monaten müssen viele gemeinsame Regeln und Vereinbarungen entwickelt werden. Oft haben die verschiedenen Akteure unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das WG-Leben aussehen soll, wieviel Regeln es braucht und wieviel Freiraum jedem Einzelnen zugestanden wird. In diesem Artikel wollen wir Ihnen aufzeigen, wo Konfliktpotentiale bestehen und auf welchen Ebenen diese Konflikte auftreten können. Zudem möchten wir auf mögliche Machtgefälle hinweisen und Ihnen Möglichkeiten aufzeigen, wie Sie damit umgehen können, um gute Lösungsstrategien zu entwickeln.

Wo können Konflikte auftreten?

Vorab ist festzustellen: Konflikte in Gruppen sind ganz normal und unvermeidbar! Also machen Sie sich keine Sorgen, wenn es in ihrer Gruppe mal knirscht. Wichtig ist nur, die Konflikte frühzeitig zu erkennen, offen anzusprechen und nach Lösungen bzw. Kompromissen zu suchen.

Viele Konflikte entstehen während der Umsetzungs- und Etablierungsphase. Denn jetzt wird es konkret und Sie müssen überlegen, wie der Alltag in ihrer inklusiven Wohnform gestaltet wird. Oftmals müssen die Vereinbarungen und Regeln für die WG erst miteinander entwickelt werden. Und wie in fast allen Wohngemeinschaften entfachen sich Konflikte an den banalen Dingen des Alltags, wie dem Erledigen von Haushaltsdiensten oder den verschiedenen Bedürfnissen bezüglich des Gemeinschaftslebens. Hier helfen klare Vereinbarungen, z. B. in Form von Haushaltsplänen oder WG-Regeln. Desweiteren kann es sein, dass die verschiedenen Akteure der WG ein unterschiedliches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit haben. Hier gilt es, sich frühzeitig darüber zu verständigen, welche Maßstäbe angesetzt werden bzw. wie eine Grundreinigung der WG sichergestellt wird. Weiteres Konfliktpotenzial besteht hinsichtlich der Erbringung von Assistenzaufgaben. So können die Bewohner:innen ohne Behinderungen die Art und den Umfang der Assistenz als zu umfangreich oder bevormundend empfinden und Eltern können mit der Art der Leistungserbringung (z. B. im pflegerischen Bereich) unzufrieden sein, da nicht die Standards aus dem elterlichen Haushalt erfüllt werden.

Zudem kann es sein, dass die unterschiedlichen Akteure zu Beginn der Umsetzungs- und Etablierungsphase erst ihre Rolle finden bzw. sich ihrer Rolle bewusst werden müssen. Denn oftmals gibt es ganz unterschiedliche Rollenerwartungen. Wichtig ist, dass jedes Gruppenmitglied sich im Laufe des Gründungsprozesses seiner Rolle(n) bewusst wird und Rollenerwartungen klar kommuniziert werden oder im besten Fall niedergeschrieben sind. Gerade für neue Gruppenmitglieder oder Akteure kann es hilfreich sein, wenn die Rollen, Aufgaben und/oder Erwartungen festgeschrieben sind – so z. B. in einer Stellenbeschreibung oder in einem Anforderungsprofil an Bewohner:innen. Einige inklusive Wohnprojekte haben dies in ihren Assistenzleitlinien geregelt.

Innerhalb einer inklusiven Wohnform kann zwischen folgenden Gruppen unterschieden werden:

  • Bewohner:innen mit Behinderungen
  • Bewohner:innen ohne Behinderungen
  • Eltern, Angehörige und/oder gesetzliche Betreuer:innen
  • Assisten:innen und/oder Vertreter:innen von Leistungserbringern

Potenziell können Konflikte zwischen allen Gruppen entstehen. Allerdings ist zu beachten, dass es Machtgefälle zwischen den einzelnen Gruppen gibt. So hat die Gruppe der Eltern, Angehörigen und gesetzlichen Betreuer:innen oftmals die Kontrolle über den Einsatz der finanziellen Mittel – ggf. wird ein Teil dieser Macht abgegeben und gewisse Beträge in die Verantwortung der Bewohner:innen übergeben. Die Gruppe der Bewohner:innen mit Behinderungen steht teilweise in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Assistent:innen, da diese die notwendigen Unterstützungsleistungen erbringen. Es kann zudem sein, dass einzelne Bewohner:innen durch formelle Bildung oder Netzwerke über mehr (informelle) Macht verfügen als andere Bewohner:innen und damit Gruppenprozesse beeinflussen können.

Wichtig ist, dass Sie sich dieser Machtgefälle bewusst sind und geeignete Maßnahmen ergreifen, um Machtmissbrauch zu vermeiden. Hierfür können beispielsweise Vertrauenspersonen oder externe Supervisionen genutzt werden. Zudem sollte dieses Thema im Rahmen eines Gewaltschutzkonzeptes berücksichtigt werden.

Welche Möglichkeiten der Konfliktprävention gibt es?

In Teil 1 dieses Artikels werden viele Möglichkeiten zum Umgang mit Konflikten beschrieben und ein wesentlicher Grundsatz besteht darin, dass eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation das A und O innerhalb einer Gruppe bzw. zwischen den Gruppenmitgliedern ist. Weitere Informationen zu Kommunikationsmodellen können Sie in diesem Artikel nachlesen.

Um Konflikte zu minimieren, ist es hilfreich, wenn Sie im Alltag einer inklusiven Wohnform feste Strukturen schaffen, die es möglichen machen, potenzielle Konflikte zwischen den unterschiedlichen Gruppen frühzeitig anzusprechen.

Für Konflikte zwischen den Bewohner:innen eignet sich die regelmäßige „Bewohnerrunde“ zur Konfliktprävention. Hierzu treffen sich möglichst alle Bewohner:innen einmal pro Monat oder in manchen Wohngemeinschaften sogar wöchentlich zu einem gemeinsamen Austausch. Oftmals wird er im Anschluss oder im Vorfeld an das gemeinsame Abendessen geplant. Im Rahmen dieses Austausches können alle aktuellen Themen der WG besprochen werden. So eignet sich diese Runde, um die gemeinsamen Freizeitaktivitäten zu planen, Einkaufswünsche zu besprechen, aber auch um Unstimmigkeiten zwischen den Bewohner:innen zu klären. Wichtig ist eine gute Moderation dieser Runde, damit sich alle Bewohner:innen beteiligen können. Auch eine Themenliste, welche im Vorfeld des Austausches gefüllt werden darf, ist sinnvoll. In einigen WG’s hat es sich bewährt, dass für manche Bewohner:innen eine Vorbereitung der „Bewohnerrunde“ mit einem/einer Bezugsassistent:in erfolgt.

Weitere Details finden Sie im Artikel „Regelmäßige Besprechungen: ein Anker im Zusammenleben“.

Die Bezugsassistent:innen können auch außerhalb der „Bewohnerrunde“ wichtige Gesprächspartner zur Konfliktprävention sein. In vielen inklusiven Wohnformen gibt es eine Bezugsassistentin, für die Bewohner:innen mit Behinderungen. Hier ist wichtig, dass die Chemie stimmt und die Bewohner:innen die Möglichkeit haben, die Bezugsperson zu wechseln, falls die Chemie nicht mehr stimmt. Bezugsassistent:innen können die Bewohner:innen darin bestärken, ihre Meinung zu äußern und Dinge nicht herunterzuschlucken. Sie können auch als Moderator:in im Konfliktfall vermitteln.

Für die Konfliktprävention zwischen Eltern und Bewohner:innen ist es hilfreich, wenn sich alle Akteure der WG regelmäßig treffen. Ein Gremium hierfür kann die Auftraggebergemeinschaft darstellen, welche sich quartalsweise trifft und aktuelle Themen und Regelungsbedarfe in der WG bespricht. Hier können zum Beispiel Regelungen hinsichtlich des Besuchs oder des Zutritts zur WG geregelt werden. Auch Fragen des Aus- und Einzuges oder zur Höhe des Haushaltgeldes können in diesem Gremium geregelt werden. Als hilfreich hat es sich erwiesen, wenn es sowohl eine Sprecher:in der Bewohner:innen mit Behinderungen, der Bewohner:innen ohne Behinderungen sowie der Eltern und/oder gesetzlichen Vertreter:innen gibt. Diese können von allen Akteuren angesprochen werden und bei Bedarf ein außerordentliches Treffen anberaumen.

Zur Konfliktprävention – insbesondere bei Konflikten mit dem Assistenzanbieter – hat sich die regelmäßige Supervision als geeignete Maßnahme erwiesen. Die Supervision kann sowohl mit einzelnen Akteuren als auch mit der gesamten WG stattfinden – je nach Themenlage. Außerdem kann es hilfreich sein, zum Thema „Umgang mit Konflikten“ einen ganztägigen oder mehrtägigen Workshop zu organisieren. In dessen Rahmen können die verschiedenen Rollen und Maßnahmen zur Konfliktprävention sowie Konfliktlösungsstrategien erarbeitet werden. Hierfür ist eine externe Moderation sinnvoll.

Wie kann man mit den Konflikten umgehen?

Je nach Konflikt und Eskalationsstufe (siehe Artikel “Umgang mit Konflikten und Lösungsstrategien Teil I”) kann der Konflikt selbst zwischen den Konfliktparteien gelöst werden, oder es bedarf einer (externen) Unterstützung bei der Konfliktlösung. Hier ist es hilfreich, wenn die inklusive Wohnform im Rahmen eines Vertrages (z. B. Auftraggebergemeinschaft oder WG-Vertrag) geregelt hat, wie mit Konflikten umzugehen ist und wie im Bedarfsfall die Finanzierung einer externen Moderation/Supervision erfolgt.

In vielen inklusiven Wohnformen ist die WG-Leitung eine wichtige Ansprechperson beim Umgang mit Konflikten. Sie führt regelmäßige Gespräche mit allen Akteuren der WG und versucht zwischen den verschiedenen Konfliktparteien zu vermitteln bzw. nach Lösungen zu suchen. Sollte nach vielen Lösungsversuchen und der Inanspruchnahme von externen Unterstützungsmöglichkeiten keine nachhaltige Konfliktlösung möglich sein, so kann auch der Auszug eines/einer Bewohner:in eine Folge sein. Hierzu sollten ebenfalls klare Regelungen im Rahmen eines WG-Vertrages getroffen werden.

Der Umgang mit Konflikten sollte außerdem im Rahmen eines Gewaltschutzkonzeptes thematisiert werden. Denn je nach Eskalationsstufe können Konflikte mit psychischer, körperlicher oder struktureller Gewalt einhergehen. In diesen Fällen Bedarf es klarer Regelungen und Ansprechpersonen beim Träger der inklusiven Wohnform. Hierzu gibt es eine gesetzliche Verpflichtung.

Die Mitarbeiter:innen von WOHN:SINN haben während des Gründungsprozesses von unterschiedlichen inklusiven Wohnformen Konflikte zwischen den Gruppenmitgliedern oder weiterer Akteure moderiert. Sollten Sie Unterstützung bei der Konfliktlösung benötigen, so können Sie sich gerne an direkt an uns wenden und von unserer langjährigen Expertise in diesem Bereich profitieren. Für die Finanzierung einer solchen Moderation kann die Gruppe entweder Eigenmittel aufbringen oder einen Förderantrag stellen (z. B. Förderprogramme der Aktion Mensch).

Beispiele aus inklusiven Wohngemeinschaften

In einer inklusiven Wohngemeinschaft kam es zu einem Konflikt zwischen den Mitbewohner:innen ohne Behinderungen und den Mitarbeiter:innen des Assistenzanbieters, da beide Parteien unterschiedliche Auffassungen davon hatten, wie und in welchem Umfang die Mitbewohner:innen mit Behinderungen im Alltag unterstützt werden sollten. Die Mitarbeiter:innen von WOHN:SINN konnten im Rahmen einer externen Konfliktmoderation dazu beitragen, dass beide Parteien ein besseres Verständnis füreinander gewinnen konnten, indem der Blick auf die Bedarfe der Mitbewohner:innen mit Behinderungen gerichtet wurde und diese auch selbst zu Wort kamen. Als Ergebnis wurden mit Zustimmung aller Beteiligten die Teilhabeziele und Maßnahmen aus den Gesamtplanverfahren transparent gemacht, welche als Grundlage für die Leistungserbringung dienten.

Ein weiteres Beispiel ist die Durchführung eines Bewohner:innen-Workshops zum Thema „Umgang mit Konflikten“. Im Rahmen dieses ganztägigen Workshops hatten die Bewohner:innen die Möglichkeit, Konfliktsituationen aus ihrem Alltag zu beschreiben und diese in Rollenspielen nachzustellen. Außerdem wurde gemeinsam überlegt, was dazu beitragen kann, dass Konflikte reduziert oder gelöst werden. Aus diesem Brainstorming sind die goldenen Regeln für ein gutes Zusammenleben entstanden. 

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