In inklusiven Wohnformen, die nach dem „Wohnen für Hilfe/Assistenz“-Modell arbeiten, ergibt sich für die Bewohner:innen ohne Behinderungen eine Doppelrolle: Die WG oder Hausgemeinschaft ist ihr Wohnort und Lebensmittelpunkt, in ihren Diensten ist es aber auch ihre (zumindest ehrenamtliche) Arbeitsstelle. Für die behinderten WG-Mitglieder sind sie also meistens einfach Mitbewohner:innen oder Nachbar:innen, zu manchen Zeiten jedoch eher Assistenz oder Begleitung.
Manche sehen in dieser Doppelrolle eine Gefahr für das Zusammenleben auf Augenhöhe. Sie argumentieren, es entstehe ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Mitbewohner:innen mit und ohne Behinderungen, das nicht zu einem selbstverständlichen Miteinander passt. Für nicht-behinderte Mitbewohner:innen – oft Studierenden – bestehe eine finanzielle Abhängigkeit durch den Nebenjob, die behinderten Menschen sind auf die Unterstützung im Alltag angewiesen. Auch von einer Gefahr der Überforderung mit herausforderndem Verhalten oder anspruchsvollen pflegerischen Tätigkeiten ist oft die Rede.
Andere sehen gerade die Unterstützung durch die Mitbewohner:innen als Kernqualität inklusiver Wohnformen. Sie betonen, dass die gegenseitige Hilfe zu echten Freundschaften führe. Außerdem hätten die Mitbewohner:innen meist mehr und flexibler Zeit für die Aufgaben, als ein Pflege- oder Assistenzdienst. Kommt beispielsweise eine Bewohnerin mit Behinderungen spontan spät nach Hause und benötigt Hilfe beim zu Bett gehen, sei dies für einen Mitbewohner einfacher zu leisten als für eine externe Assistenzkraft, die extra dafür kommen bzw. bleiben müsste.
Wir möchten in dieser Frage keine Partei ergreifen. Es gilt in der Projektentwicklung zusammen mit den (zukünftigen) Bewohner:innen das Konzept zu erarbeiten, welches für alle Beteiligten am stimmigsten ist. Wir empfehlen in Projekten mit „Wohnen für Assistenz“ in jedem Fall eine gute fachliche Begleitung durch eine pädagogische Leitung und ein Schutzkonzept, das einen klaren Rahmen für alle Beteiligten schafft.